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Inkasso-Umfrage

Berlin, 11. Juni 2021 – Zahlungsverhalten der Verbraucherinnen und Verbraucher in der Corona-Krise robust – Inkasso-Aufträge rückläufig – Liquiditätsprobleme bei Unternehmen

  • BDIU-Präsidentin Kirsten Pedd: „Viele Menschen haben die pandemiebedingt eingesparten Konsumausgaben in eine Entschuldung gesteckt und konnten sich so konsolidieren.“
  • „Das private Zahlungsverhalten hat sich als resilient gegenüber der Krise gezeigt, kurzfristige Verschlechterungen aufgrund Einkommens- und Liquiditätseinbußen trüben das Gesamtbild nicht ein.“
  • „Im Business-to-Business-Bereich zeigen sich die Negativ-Folgen der Pandemie sehr deutlich. Es ist zu befürchten, dass es bei den Unternehmen in den nächsten Monaten verstärkt zu Zahlungsausfällen und leider auch zu mehr Insolvenzen kommen wird.“

Pressemitteilung – Die finanzielle Situation der privaten Haushalte ist auch im zweiten Jahr der Corona-Pandemie gut und stabil. Darauf weist jetzt Kirsten Pedd, Präsidentin des Bundesverbands Deutscher Inkasso-Unternehmen e.V. (BDIU), anlässlich einer neuen Trendumfrage unter den gut 500 Inkassounternehmen ihres Verbands hin.

Stückzahl neuer Forderungen unter dem Niveau von 2020

„Die Situation ist durchaus paradox. Zwar leiden viele Verbraucherinnen und Verbraucher unter den ökonomischen Folgen der Coronakrise. Aber obwohl Jobverluste oder Kurzarbeit manche Einkommen reduzieren, haben die Privathaushalte keine größeren Verschuldungsprobleme bekommen“, so Pedd. „Das ist im Inkassogeschäft deutlich spürbar. Die an unsere Mitgliedsunternehmen übergebenen Fälle haben zuletzt sogar eher abgenommen.“

Mehr als die Hälfte der Inkassounternehmen berichtet, dass die Stückzahl der an sie übergebenen Forderungen im laufenden Jahr 2021 unter dem Niveau des Jahres 2020 liegt. Auch das Forderungsvolumen, also die Geldwertsumme, die Gläubigerinnen und Gläubiger insgesamt zur Einziehung an die Rechtsdienstleister weiterreichen, ist leicht rückläufig, wie 42 Prozent der Umfrageteilnehmerinnen angeben. Fast genauso viele – 39 Prozent – sagen, das an sie übergebene Forderungsvolumen an offenen Rechnungen verändere sich derzeit kaum.

Viele Verbraucher haben in der Krise eine Entschuldung geschafft

„Viele Menschen haben die pandemiebedingt eingesparten Konsumausgaben in eine Entschuldung gesteckt und konnten sich so konsolidieren“, berichtet Kirsten Pedd. Hier konnten Inkassounternehmen oft zu einer Lösung beitragen. Ein wichtiges Instrument dafür ist das Gewähren von Ratenzahlungsmöglichkeiten. Aktuell kommt es vermehrt zum Einsatz, wie 52 Prozent in der Umfrage bestätigen. „Ratenzahlungen sind sinnvoll, um langfristige Lösungen mit den Betroffenen zu erzielen“, so Pedd.

Wenn private Schuldner derzeit nicht leisten können, ist laut Angaben von 73 Prozent der Inkassounternehmen des BDIU Kurzarbeit der Hauptgrund. Auch durch die Corona-Krise ausgelöste vorübergehende Liquiditätsengpässe (69 Prozent) beeinträchtigen die private Rechnungstreue. „Immerhin liegen in diesen Fällen keine nachhaltigen finanziellen Probleme vor. Individuell angepasste Zahlungsvereinbarungen und kurzfristige Aufschübe spielen im Inkasso seit Ausbruch der Pandemie eine größere Rolle. Damit kommen wir Menschen entgegen, die wegen der wirtschaftlichen Einschränkungen lediglich temporär weniger Geld zur Verfügung haben“, so Kirsten Pedd.  

Da nur die wenigsten Forderungen nach der ersten Mahnung eines Inkassounternehmens beglichen werden, bedeutet die Krise kurzfristig mehr Aufwand für die Rechtsdienstleister. Zudem meldet jedes dritte Inkassounternehmen, dass Schuldner jetzt zögerlicher auf Erstanschreiben reagieren.

Starker Anstieg bei Verbraucherinsolvenzen wegen neuer Rechtslage – „Rückstau bei Anträgen löst sich auf“

In den kommenden Monaten sei mit einem deutlichen Anstieg bei den Verbraucherinsolvenzen zu rechnen. Die Ursache dafür liege aber nicht in der Pandemie, wie Kirsten Pedd erklärt, sondern im Inkrafttreten von bereits vor Längerem beschlossener Gesetzesänderungen. Überschuldete Privatpersonen können inzwischen bereits innerhalb von drei statt vorher sechs Jahren eine sogenannte Restschuldbefreiung im Rahmen eines Verbraucherinsolvenz­verfahrens erlangen. „Viele überschuldete Haushalte haben mit einem Antrag gewartet, um von der neuen Rechtslage und einem beschleunigten Entschuldungsverfahren zu profitieren“, so Pedd. Dieser Rückstau löse sich nun auf.

Grundsätzlich rät die Inkassopräsidentin Überschuldeten dazu, das Gespräch mit ihren Gläubigern zu suchen. „Mein Motto ist: Reden hilft. Im Dialog lassen sich Probleme mit zahlungsgestörten Forderungen am besten lösen. Für Gläubiger ist es wichtig, dass sie einen fairen Ausgleich für ihre berechtigten Ansprüche erhalten, auch damit die dahinterstehenden Unternehmen und die wirtschaftlichen Existenzen ihrer Mitarbeitenden gesichert werden können. Unsere Erfahrung zeigt: Zahlungsprobleme lassen sich im außergerichtlichen Dialog mit individuellen, auf die jeweilige Situation angepassten Lösungen am besten regeln.“

B2B-Zahlungsmoral: Liquiditätsprobleme nehmen zu

Während die Lage bei vielen privaten Haushalten gut ist, nehmen bei den Unternehmen die Probleme zu. Besonders betroffen von einer schlechten Zahlungsmoral ihrer Kunden sind nach Erfahrung der Rechtsdienstleister die Dienstleistungsbranche allgemein (50 Prozent), Fitnessstudios (44 Prozent) sowie die Immobilienwirtschaft beziehungsweise Vermieter (36 Prozent – bei dieser Umfrage sind Mehrfachantworten möglich). Hauptgrund, warum gewerbliche Schuldner aktuell nicht zahlen, sind durch die Coronakrise ausgelöste Liquiditätsengpässe (83 Prozent) sowie Zahlungsausfälle bei eigenen Kunden (73 Prozent) – das ist der Dominoeffekt, bei dem sich ein Forderungsausfall entlang der Lieferketten fortsetzt und so mehrere Akteure in Mitleidenschaft zieht.

„Im Business-to-Business-Bereich zeigen sich die Negativ-Folgen der Pandemie schon eher“, so Pedd. „Es ist zu befürchten, dass es bei den Unternehmen in den nächsten Monaten verstärkt zu Zahlungsausfällen und leider auch zu mehr Insolvenzen kommen wird.“ Pedd verweist auf die wieder in Kraft getretene Insolvenzantragspflicht für überschuldete Firmen. „Das Aussetzen dieser Antragspflicht hat zusammen mit den staatlichen Corona-Hilfszahlungen viele Existenzen vorübergehend gesichert. Das waren gute Maßnahmen für den Erhalt wirtschaftlicher Stabilität. Aber sie können das Unvermeidliche nicht unbegrenzt aufschieben. Um die Lieferketten vor Dominoeffekten zu schützen, müssen Unternehmen ohne Aussicht auf Konsolidierung nun richtigerweise einen Insolvenzantrag stellen. Im Tourismussektor, der Gastronomie, dem Einzelhandel, der Kultur sowie im Sport- und Freizeitbereich wird das zu spüren sein.“ Pedd rät Firmen als notwendige Präventionsmaßnahme zu einem nachhaltigen und konsequenten Forderungsmanagement. „Es kommt darauf an, die Liquidität der Geschäftspartner zu kennen, um Risiken für Zahlungsausfälle so abschätzen zu können. Tritt Verzug ein, ist eine konsequente Lösungssuche gefragt. Ein schlechtes Forderungsmanagement ist, neben Fehlentscheidungen des Managements sowie einer unzureichenden Auftragslage, einer der Hauptgründe für den Zusammenbruch einer unternehmerischen Existenz.“

Fazit und positiver Ausblick

Insgesamt ist das Fazit der Inkassopräsidentin auf ihre Verbandsumfrage dennoch positiv: „Insbesondere das private Zahlungsverhalten hat sich als resilient gegenüber der Krise gezeigt, kurzfristige Verschlechterungen aufgrund Einkommens- und Liquiditätseinbußen trüben das Gesamtbild nicht ein. Für die Unternehmen kommt es darauf an, mit einem nachhaltigen Forderungsmanagement ihre Liquidität zu sichern. Verbraucherinnen und Verbraucher, die jetzt in Zahlungsschwierigkeiten gelangen, sollten den Dialog suchen, um ihre Außenstände zu bereinigen. Inkassounternehmen sind dabei verantwortungsvoll handelnde Partner, die gerade in der Krise für beide Seiten – Schuldner und Gläubiger – gangbare Wege ausloten, damit berechtigte Zahlungsansprüche einen fairen Ausgleich erhalten.“