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»Warum ich meine Gebühren in der gleichen Höhe wie Anwälte berechne«

»Warum ich meine Gebühren in der gleichen Höhe wie Anwälte berechne«

Inkassounternehmen ziehen mit vielen arbeitsintensiven Maßnahmen Forderungen vorgerichtlich ein. Dafür steht ihnen eine faire Kostenerstattung zu. Ein Beitrag von Annegret Krol, Inkassounternehmerin und BDIU-Mitglied.

Seit 2007 bin als Inkassounternehmerin selbstständig tätig. Zuvor habe ich seit 1985 zunächst als angestellte Rechtsanwalts- und Notargehilfin gearbeitet. Obwohl ich eine erfah­rene ReNo-Gehilfin bin und früher sogar zweimal das Sekretariat jeweils kleiner Anwaltsbüros leitete, musste ich eine Sachkundeprüfung ablegen. Um diese zu bestehen, musste ich mein bereits in der Ausbil­dung gelerntes und über die Jahre erweitertes Rechts­wissen noch weiter ver­tiefen. Mein Büro führe ich alleine, ohne Angestellte. Letzteres kann ich mir leider nicht leisten, obwohl ich genügend Arbeit abgeben könnte.

Wenn ein Gläubiger ein Anwaltsbüro mit dem Forderungseinzug beauftragt, so schreibt der Anwalt in der Regel ein allerletztes Mahnschreiben an den Schuldner. Erfolgt dann keine Reaktion, so wird ein Mahnbescheid beantragt oder gleich Klage erhoben. Nach höchstens drei Vollstreckungsversuchen, spätestens aber wenn der Schuldner die Vermögensauskunft abgelegt hat, stellen viele Anwälte den Forderungseinzug ein.

Dem Anwalt hat das jede Menge Geld für meistens wenig Arbeit eingebracht, dessen Man­dant ist aber frustriert. Dieses Anwaltsprinzip haben leider auch viele Gläubiger verinner­licht: Sie versuchen, superschnell die Forderung vom Schuldner zurückzubekommen. Aber bloß nicht viel Geld dafür ausgeben. Geduld, gerade bei dreisten oder »nackten« Schuldnern? Fehlanzeige.

Inkassounternehmen versuchen, zunächst außergerichtlich tätig zu sein. Ich zum Bei­spiel schreibe mindestens zwei Mal, teils auch drei oder in seltenen Fällen sogar vier Mal die Schuldner an, wenn zwischenzeitlich keine Reaktion erfolgt. Meine Erstschreiben enthalten zwar natürlich auch Muster-Textblöcke (genau wie bei Anwälten, die Software wie zum Beispiel AnNoText oder RA-MICRO nutzen), werden aber ansonsten individuell auf den jeweiligen Fall und den Schuldner angepasst. Außerdem versuche ich, telefonisch Kontakt zu dem Schuldner aufzu­nehmen oder aufrechtzuerhalten.

Inkassounternehmen leisten oft wesentlich mehr als Anwälte, bevor sie ge­richtlich tätig werden. Auch wir müssen vor Auftragsannahme die Angelegenheit rechtlich überprüfen. Denn es kann sein, dass eine Forderung gar nicht besteht oder dass echter Streit zwischen den Parteien besteht. Dann darf – natürlich – nur ein Anwalt tätig werden.

Besonders viele Schuldner, gegen die »kleine« Forderungen von unter 200 Euro bestehen, reagieren auf keine Mahnungen, und zwar egal, ob diese Schreiben vom Gläubiger, Anwäl­ten oder von Inkassounternehmen kommen. Sie reagieren nicht einmal auf Post oder sogar Ladungen von Gerichtsvollziehern. Diesen Schuldnern ist es auch nicht klar, dass ihnen durch ihre Nicht­reaktion ein zinsloses Darlehen gewährt wird – zulasten der Gläubiger und im weiteren Umfang damit deren Kundschaft.

Nehmen Sie doch einmal an, Sie hätten 15 Personen für jeweils 3 Euro etwas verkauft, und zwar auf Rechnung. Fünf von den Käufern zahlen nicht. Würden Sie auf Ihre Forderungen verzichten? Wenn Sie die jetzt mehrfach mahnen, entstehen Ihnen dafür jede Menge Papierkosten, Tonerkosten, Porto – und Arbeitszeit. Das möchten Sie nicht ersetzt bekom­men, obwohl Ihre Käufer Verursacher dieser Kosten sind und die Kosten mittlerweile wesentlich höher als Ihr Rechnungsbetrag sind?

Nur wenige meiner Schuldner (A) zahlen fristgerecht auf meine erste Mahnung. Andere (B) haben finanzielle Probleme, sind zahlungswillig, reagieren aber erst verspätet.

Ein großer Teil von Schuldnern (C) verdrängt durch Nichtreagieren, dass sie Schulden zu begleichen haben. Der andere ebenfalls große Teil (D) ist dreist und tauscht sich (zum Bei­spiel über das Internet) mit anderen Schuldnern aus, wie man am besten stillhält und seine Daten (Vor- oder sogar Nachname, Geburtsdatum) schützt oder sogar fälscht, um deren Gläubiger zum »Abschreiben« ihrer Forderung zu brin­gen. 

In steigendem Maße stellt sich bei solchen Schuldnern C und D – je nach Angaben meiner Kunden bei meiner Beauftragung – früher oder später heraus, dass diese bereits vor Inan­spruchnahme meiner Kunden ihre Vermögensauskunft abgegeben hatten. Sprich: Sie haben eine vorsätzlich begangene unerlaubte Handlung begangen, als sie die Leistungen meines Kunden bestellten.

Bei solchen Schuldnern B bis D muss ich sehr viel Zeit investieren, sodass meine Tätigkeit in überhaupt keinem Verhältnis zu meiner Vergütung steht. Denn bei solchen Schuldnern versuche ich etliche Male, den Schuld­ner telefonisch zu erreichen. Oft haben sie nicht einmal eine Mailbox, oder sie gehen einfach nicht an das Mobiltelefon. Oder ich versuche oft stundenlang, im Internet an irgendwelche Informationen über den Schuld­ner zu kommen, um ihn zu erreichen.

Schuldner, die zwar zahlen wollen, aber finanzielle Probleme haben, schließen eine Raten­zahlungsvereinbarung mit mir ab. Auch in solchen Fällen wird die Vereinbarung teils nicht oder nicht pünktlich eingehalten, sodass ich sehr oft hinterhertelefonieren/-mailen muss. Grund für die Nicht­einhaltung sind teils widerstrebendes Zahlungsverhalten, Vergesslichkeit und auch große finanzielle Probleme (oft auch bei Ein-Mann-Selbstständigen). Die Bitte um Ratenzah­lung kommt immer von denen. Diejenigen, denen ich vorschlage, ihre Schuld in Raten abzu­zahlen, reagieren meistens nicht darauf. Solche Raten-Angelegenheiten ziehen sich oft sehr lange hin – und zwar vorgerichtlich, ohne jegliche gerichtliche Maßnahme.

Zum Beispiel habe ich eine Forderung erst nach zwei Jahren vorgerichtlich in Raten ein­trei­ben können. Ich musste sehr viele Telefonate mit dem Schuldner führen, der mir oft von seinem Kummer erzählte. Dieser Schuldner hatte oft den Gerichtsvollzieher bei sich, wes­halb sich die Zahlungen an mich verzögerten. Am Schluss bedankte er sich, dass ich so lange Geduld hatte bei der Forderungseintreibung. Die Hauptforderung betrug knapp 300 Euro. Meine Vergütung belief sich auf 42 Euro netto – im Verhältnis zu meiner geleisteten Arbeit höchstens ein Bettel­geld.

Ganz anders verhalten sich viele Anwälte: Sie nehmen ungern Beitreibungssachen mit einer Hauptforderung unter 1.000 Euro an, erst recht unter 500 Euro. Deren Argument: Für eine vorge­richtliche Mahnung bekommen sie zu wenig Geld – bei einer 1,3-Gebühr nach Nr. 2300 VV RVG. Lieber nehmen sie Angelegenheiten mit Hauptforderungen von mehr als 1.000 Euro an, bei denen die Schuldner bereits nach der ersten Mahnung zahlen. Von einer Mischkal­kulation haben diese entweder nie gehört oder haben Dollarzeichen in den Augen.

Inkassounternehmen werden genauso wie Anwälte beauftragt, eine Forderung einzutreiben. Daher berech­net sich ihre Vergütung entsprechend dem Umfang ihres Auftrags, nicht prozentual zur Hauptforderung oder entsprechend »der Zeit ihrer Beitreibung« (sprich: Schuldner zahlt nach nur einem Schreiben, also bekommt Inkassounternehmen/Anwalt weniger als nach drei Schreiben).

Bereits durch die teils drastische Erhöhung oder Neueinführung von Gebühren 2013 (* Anmerkung) hält der Staat viele Gläubiger davon ab, noch ihr gutes Geld angeblich schlechtem Geld, also ihren offenen Forderungen, hinterherzuwerfen. Aber je mehr Forderungen nicht eingetrieben wer­den kön­nen, desto mehr Selbstständige müssen ihre Selbstständigkeit aufgeben oder müssen sogar Insolvenz anmelden. Oder die Firmen-Gläubiger erhöhen ihre Verkaufspreise.

Wenn ein Schuldner zahlungswillig ist und ich bereits vorgerichtlich weiß, dass er finanzielle Probleme hat, dann vermeide ich, gerichtliche Maßnahmen einzu­leiten. Denn dadurch entstehen erstens weitere Kosten. Und zweitens kommt bei der Zwangsvoll­streckung oft nichts heraus. Es lohnt sich also oft überhaupt nicht, wie Anwälte im Schnell­modus tätig zu werden. Das Arbeitsprinzip der meisten Inkassounternehmen basiert daher auf der Kostenminderungspflicht.

Übrigens: Wieso werden meistens alleine Inkassounternehmen so negativ als »professionelle Geldeintreiber« bezeichnet, obwohl Anwälte genau das Gleiche machen? Damit werden seriöse Inkassounternehmen auf eine Stufe mit dem verbotenen »Moskau Inkasso« gesetzt, während Anwälte regelrecht heiligge­sprochen werden.

Und haben Sie mal die Anzahl der Inkassounternehmen (ohne die der Anwaltskanzleien, die Forderungsein­zug betreiben), über die Beschwerden bei Verbraucherzentralen eingingen, mit der Gesamt­zahl registrierter Inkassounternehmen prozentual verglichen? Das wird einen wesentlich niedrigeren Prozent­satz ergeben, als wenn man plakativ nur die Inkassounternehmen nennt, über die sich be­schwert wird.

Außerdem landen bei Verbraucherzentralen offenbar größtenteils Fälle, bei denen die Mandan­ten Opfer einer Abo-Falle geworden sind. Aber kommen auch Menschen zu ihnen, um sich wegen Post eines Inkassobüros beraten zu lassen, die zuvor Handwerker beauftragt hatten, online Sachen bestellt hatten, privat Geld von Bekannten geliehen hatten, ihre Telefonrech­nung nicht bezahlt hatten oder oder oder?

Übrigens: Wenn Inkassounternehmen pauschal als negativ bezeichnet werden, ist das Mob­bing aller seriösen Inkassounternehmen, von denen viele sehr kleine Inkassounternehmen wie ich sind!

Die Tätigkeiten von Anwälten sind ausgerichtet auf gerichtliche Verfahren. Inkassounternehmen dagegen sind eher wie Mediatoren zu betrachten, da sie außergerichtlich ausgerichtet sind, und zu ver­mitteln versuchen, auch wenn sie auf der Seite des Gläubigers stehen.

Große Inkassounternehmen arbeiten meistens automatisiert, anders als kleine Inkassounternehmen, die viel individuel­ler arbeiten. Und dass bei – automatisierten oder individuellen – Sachen und unachtsamen Sachbearbeitern auch Fehler passieren können, ist menschlich.

Besonders kleine Inkassounternehmen werden außerdem nicht schnell nach Rechnungstel­lung beauftragt. Im Gegenteil: Sehr oft versuchen meine Kunden es erst ein halbes Jahr oder noch länger selbst, bis ich beauftragt werde. Und das, obwohl ich meinen Stammkunden rate, ein zügiges Mahnwesen zu betreiben. Dies schlage ich meinen Kunden vor:

  • Rechnung mit Zahlungsziel 2 Wochen
  • keine Zahlung nach 2 Wochen: Mahnung mit Frist höchstens 10 Tage
  • immer noch keine Zahlung: eventuell erneute Mahnung mit Frist 7 Tage und spätestens jetzt die Ankündigung der Weitergabe an ein Inkassounternehmen
  • immer noch keine Zahlung: Abgabe an Inkassounternehmen

Innerhalb der Zeit haben Menschen auch mit dreiwöchigem Urlaub genügend Gelegenheit zum Reagieren.

Inkassounternehmen (und Anwälte) werden nämlich in der Regel nur beauftragt, weil Schuldner sich »tot stellen«. Wenn sie schon gleich dem Gläubiger sagen würden, dass die Forderung nicht berechtigt ist oder sie nicht sofort alles auf einmal zahlen können, und sich mit ihm dann abstimmen würden, würden höhere Kosten gar nicht erst entstehen.

Annegret Krol,
www.askme-inkasso-bs.de

(*) Anmerkung: 
Die Gerichtskosten wurden 2013 erhöht. Gläubiger müssen seitdem etwa für die Beantragung eines Mahnbescheids tiefer in die eigene Tasche greifen. 

BDIU-Präsidentin Kirsten Pedd mit Annegret Krol (rechts im Bild)