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Weniger Insolvenzen trotz Krise – wie passt das zusammen?

Weniger Insolvenzen trotz Krise – wie passt das zusammen?

Dass die Amtsgericht derzeit weniger Insolvenzanträge bearbeiten, ist kein Zeichen der Entwarnung – sondern eine direkte Folge der schweren Wirtschaftskrise. 

Die Wirtschaft stöhnt unter den Corona-Folgen. Manche Branchen waren monatelang im Lockdown, mussten ihre Geschäftstätigkeit auf Null herunterfahren. Bei anderen stockte das Geschäft schon zu Jahresbeginn zunächst wegen pandemiebedingter Lieferengpässe – und dann brach auch noch die Nachfrage ein.

Wenn Firmen weniger verkaufen, wenn Einnahmen wegbrechen, Kunden die Rechnungen nicht bezahlen, gleichzeitig aber Kosten, Kredite, Investitionen weiter bedient werden wollen – dann drückt das massiv auf die Liquidität, und die Zahlungsunfähigkeit ist nicht mehr weit entfernt.

Klarer Fall: In einer solchen Situationen gibt es mehr Insolvenzen.

Genau deshalb waren die Zahlen, die das Statistische Bundesamt gestern veröffentlicht hat, so verblüffend.

Zunächst die harten Fakten: Für das erste Quartal meldeten die Amtsgerichte in Summe 4.683 Unternehmensinsolvenzen. Die meisten Pleiten gab im Handel (788), im Bau- (761) sowie im Gastgewerbe (514). Also in genau den Branchen, deren Wirtschaftstätigkeit sehr stark eingeschränkt war und teilweise auch noch ist.

So weit, so erwartbar.

Man müsste davon ausgehen, dass deshalb die Zahl der Insolvenzen jetzt steigt. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Im Vergleich zum ersten Quartal 2019 sank deren Zahl sogar ziemlich deutlich: um 3,7 Prozent.

Ein weiterer Wert der Statistiker signalisiert auf den ersten Blick Entwarnung. Zur besseren Beurteilung der aktuellen Lage veröffentlicht Destatis inzwischen auch – vorläufige – Angaben dazu, wie viele Regelinsolvenzen im jeweiligen Monat eröffnet werden. Und da gab es im Mai einen regelrechten Einbruch: Um 14,9 Prozent sank dieser Wert im Vergleich zu 2019.   

Wie kann das mitten in der Krise sein?

Dafür gibt es mehrere Erklärungen. Und keine davon ist so wirklich beruhigend.

Natürlich bilden die Insolvenzzahlen für das erste Quartal noch nicht vollständig die Folgen des Lockdowns ab. Das können sie gar nicht, denn die meisten Maßnahmen traten ja erst ab Mitte März in Kraft. Das zweite Quartal dürfte daher für die Statistiker viel interessanter sein. Trotzdem haben auch die Insolvenzen aus dem ersten Quartal bereits viel wirtschaftliches Potenzial vernichtet. Die voraussichtlichen Gläubigerforderungen beziffert Destatis auf 7,3 Milliarden Euro – das wiederum ist ein deutlicher Anstieg gegenüber dem Vorjahr. Von Januar bis März 2019 berechnete sich die Summe der Gläubigerforderungen auf nur 4,7 Milliarden Euro. Der Grund: Anfang dieses Jahres waren verstärkt wirtschaftlich bedeutende Unternehmen von Insolvenz betroffen – die Gläubigerschäden also entsprechend massiver.

Der Auslöser für die sinkenden Insolvenzzahlen liegt in Wahrheit aber genau in der Coronakrise. Die Zahlen gehen nicht trotz Corona zurück – sondern aufgrund spezieller Effekte, die erst durch die Bekämpfung der Pandemie entstanden sind. Um deren wirtschaftliche Folgen abzumildern, hat der Gesetzgeber unter anderem eine vorübergehende Aussetzung der Insolvenzantragspflicht beschlossen. Heißt: Unternehmen, die wegen Corona zwar insolvenzreif verschuldet sind, aber trotzdem die Aussicht haben, diese Zahlungsunfähigkeit zu einem späteren Zeitpunkt zu überwinden, müssen im Moment keinen Insolvenzantrag stellen.

Das gilt noch bis Ende September. Danach müssen zahlungsunfähige, liquiditätsschwache Firmen wie gehabt das Insolvenzverfahren beantragen. Zumindest ist das der jetzige Stand.

Letztlich sind steigende Insolvenzzahlen als Folge der wirtschaftlichen Krise wohl kaum zu vermeiden. Die Frage ist nur, wann genau sich das auch in den amtlichen Statistiken niederschlagen wird. Die meisten Experten rechnen in der zweiten Jahreshälfte mit steigenden Zahlen. Viele befürchten eine regelrechte Pleitewelle, eben weil derzeit viele Firmen nur mit staatlichen Finanzspritzen oder Krediten – die sie auch wieder zurückzahlen müssen – wirtschaftlich am Leben gehalten werden.

Auch eine aktuelle BDIU-Umfrage legt nahe, dass wir erst am Anfang einer länger anhaltenden Eintrübung stehen dürften. In dem Anfang Mai veröffentlichten Panel berichteten die meisten Inkassounternehmen, dass die Zahlungsmoral der Schuldner – sowohl von Verbrauchern als auch von Unternehmen – im Zuge der Coronakrise schlechter geworden ist. Kurzarbeit und durch die Pandemie verursachte Liquiditätsengpässe nannten die BDIU-Mitglieder als Hauptursachen dafür.

Aber auch für diese Statistik gilt: Die tatsächlichen Corona-Fälle werden hier noch gar nicht abgebildet. In der Regel dauert es rund drei bis vier Monate, bis aus einem unbezahlten Einkauf eine Inkassoforderung wird. „Da kommt also noch einiges auf uns zu“, sagen die Experten des BDIU.

Vor allem bei den Unternehmensinsolvenzen erwarten die BDIU-Unternehmen einen starken Anstieg – wahrscheinlich bereits zu Ende 2020, es könnte aber auch sein, dass sich die wirklich große Welle erst im kommenden Jahr aufbaut.

Keine guten Aussichten für die Wirtschaft also. Umso wichtiger ist es für jede Firma, jetzt Maßnahmen zur Forderungssicherung durchzuführen: Durch ein effizientes Mahnwesen, das schnell und flexibel reagiert und dabei auch auf die individuelle Lage von Schuldnern eingeht – was wichtig ist, um gute Kundenkontakte für die Zeit nach der Coronakrise zu sichern. Für ein solches nachhaltiges Forderungsmanagement sollten sich Unternehmen am besten Hilfe bei dafür spezialisierten Dienstleistern suchen, beispielsweise den Mitgliedsunternehmen des BDIU.