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In Zeiten klingelnder Kassen

In Zeiten klingelnder Kassen

Der Konjunkturmotor läuft rund, und es gibt immer weniger Insolvenzen. Bekommen Inkassounternehmen da überhaupt Aufträge? BDIU-Hauptgeschäftsführer Kay Uwe Berg ist auch bei guter Zahlungsmoral optimistisch gestimmt. 

Wie ist es um die Zahlungsmoral in Deutschland bestellt?

KAY UWE BERG II Bestens! Die Deutschen zahlen ihre Rechnungen so pünktlich und so gut wie lange nicht. Die Gründe liegen auf der Hand: Mehr Jobs, höhere Löhne, und auch die niedrigen Zinsen spülen mehr Geld ins Portemonnaie. Trotzdem gibt es Probleme. Nicht jeder Verbraucher profitiert von dem guten Trend. Ungefähr jeder zehnte Deutsche gilt als überschuldet, dieser Anteil hat sich in den letzten Jahren leider kaum verändert. Für die Wirtschaft sind das oft problematische Kunden, daher sollte man sich im Risiko- und Forderungsmanagement darauf einstellen. Laxe Zahler können eine Firma in ernsthafte Liquiditätsschwierigkeiten bringen.

Wie sieht das in der Wirtschaft aus – gibt es Branchen mit vielen Schuldnern?

BERG II Von der guten Zahlungsmoral profitiert die Wirtschaft eindeutig, sie ist Schmierstoff für unsere gute Konjunktur. Inkassounternehmen sehen natürlich eher die Fälle, wo es mit der Rechnungstreue hapert. Noch vor wenigen Jahren hatten viele Handwerker und Baufirmen Probleme, das Geld für ihre Leistungen zu erhalten. Jetzt ist es an erster Stelle der Onlinehandel, der mit laxen Zahlern kämpft. Das hat mit dem Boom zu tun, den das digitale Einkaufen in den letzten Jahren erlebt hat. Mehr Umsatz bedeutet mehr Inkassofälle, da es immer auch Kunden gibt, die mit ihrer Vertragserfüllung in Verzug geraten. Aber E-Commerce ist auch ein Distanzgeschäft. Kunde und Shop-Betreiber kennen sich nicht persönlich – das lädt leider manchen schlechten Kunden dazu ein, Zahlungsfristen auszutesten oder auch bewusst zu versuchen, die Firma ums Geld zu prellen. Und genau deshalb brauchen diese Unternehmen Hilfe durch Experten fürs Forderungsmanagement. Das ist wichtig zum Beispiel für Start-ups – sie können sich um ihre Finanzierung und den Aufbau ihres Geschäfts kümmern, den Forderungseinzug übernehmen qualifizierte Inkassodienstleister. Konzentration aufs Kerngeschäft wird möglich durch sinnvolles Outsourcing.

Circa 5 Milliarden Forderungen werden pro Jahr realisiert – Tendenz steigend oder fallend?

BERG II Da muss ich leider korrigieren: Es handelt sich nicht um 5 Milliarden Forderungen, sondern um 5 bis 10 Milliarden Euro. So hoch ist die Summe, die Inkassounternehmen der Wirtschaft wieder zurückführen, jedes Jahr. Die Tendenz ist gleichbleibend bis steigend. Es gibt zwar keine steigende Anzahl an Schuldnern. Aber es gibt mehr Unternehmen, die auf die Rechtsdienstleistungen der Inkassounternehmen setzen und sie als Teil ihres professionellen Auftritts begreifen. Unsere Branche hat in der Wirtschaft einen guten Ruf. Das liegt auch daran, dass Inkasso stets darauf setzt, die Kunden der Gläubiger fair zu behandeln – damit der Kunde bei dem Inkasso-Auftraggeber bleiben kann, wenn die Sache mit der unbezahlten Rechnung erledigt ist.

Modernes Forderungsmanagement wird digital. Wie ist die Branche da in Deutschland aufgestellt?

BERG II Sehr gut. Inkassounternehmen setzen auf digitale Schnittstellen – sowohl mit ihren Auftraggebern als auch mit den Schuldnern, damit die Kommunikation einfacher wird. Das birgt große Chancen, mehr Services anzubieten.

Macht die Software in Zukunft alles einfacher?

BERG II Gute IT ist vor allem eins: Mittel zum Zweck. Wenn sich die Wirtschaft immer weiter digitalisiert und die Kunden im Netz einkaufen gehen, dann muss natürlich auch das Forderungsmanagement Schritt halten. Zum Beispiel Schuldnern anbieten, auf digitalem Wege ihre offenen Rechnungen zu begleichen oder online mit dem Gläubiger beziehungsweise dem Inkassodienstleister Kontakt aufzunehmen. Die Branche steht hier vor großen Veränderungen, wir sind dafür gewappnet und werden diesen Prozess mit eigenen Ideen befeuern. Digitalisierung ist eine Chance für noch verbraucherfreundlicheres Inkasso. Übrigens wird die Digitalisierung, davon bin ich überzeugt, den Menschen nicht ersetzen. Natürlich werden Innovationen wie künstliche Intelligenz oder Blockchain auch das Forderungsmanagement neu formen. Am Ende zählt beim Inkasso aber immer der persönliche Kontakt. Gerade dafür halten unsere Mitgliedsunternehmen enorme Ressourcen vor. Wenn ein Schuldner sich an ein Inkassounternehmen wendet, um seine Zahlungsverpflichtung zu besprechen, dann wird hier auch in Zukunft ein Mensch mit einem anderen Menschen reden. IT erleichtert den Weg dahin, aber der eigentliche Inkasso-Vorgang basiert immer auf der Kommunikation zwischen zwei Seiten.

 

Das Interview haben wir geführt für das Magazin »Analyse: Deutschland«.