BDIUPresse / Herbstumfrage / Lage der Unternehmen

Eurokrise: Zahlungsmoral vor rapidem Absturz – Unternehmensinsolvenzen sinken auf 30.000 – Herbstumfrage der Inkassounternehmen

Berlin, 20. Oktober 2011 – Bei einem Anhalten der Eurokrise wird sich die Zahlungsmoral in Deutschland innerhalb der nächsten sechs Monate erheblich verschlechtern. Knapp 80 Prozent der deutschen Inkassowirtschaft rechnet für diesen Fall mit einem schlechteren Zahlungsverhalten von Unternehmen. In der Folge würden auch die Unternehmensinsolvenzen wieder spürbar steigen. Dagegen ist die Zahlungsmoral aktuell dank des Wirtschaftswachstums so gut wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr. Die Unternehmensinsolvenzen sinken sogar auf gut 30.000 (nach 31.998 in 2010). Das sind die wesentlichen Ergebnisse der traditionellen Herbstumfrage, die der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen e.V. (BDIU), Berlin, jetzt unter seinen 560 Mitgliedsunternehmen durchgeführt hat.

Die Zahlungsmoral in Deutschland hat sich erneut leicht verbessert. In ihrer Herbstumfrage berichten 21 Prozent der befragten Inkassounternehmen, dass Rechnungen jetzt besser bezahlt werden als noch vor sechs Monaten (genauso gut wie im Frühjahr: 65 Prozent; verschlechtert: nur 14 Prozent). „Die Zahlungsmoral ist so gut wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr“, fasst BDIU-Präsident Spitz am Donnerstag in Berlin die Umfrageergebnisse des Branchenverbandes zusammen.

Anhaltende Eurokrise würde Zahlungsmoral massiv verschlechtern
Der Ausblick allerdings ist negativ. Für das kommende Jahr erwarten 38 Prozent der befragten Forderungsmanagementdienstleister eine Verschlechterung des Zahlungsklimas. Und wenn die Eurokrise weiter anhalten sollte, wird die Zahlungsmoral sogar deutlich absacken: 79 Prozent der BDIU-Unternehmen rechnen damit, dass Unternehmen dann ihre Rechnungen schlechter bezahlen werden – von Verbrauchern nehmen dies 70 Prozent der Inkassounternehmen an.

Binnennachfrage sorgt aktuell für gute Zahlungsmoral in Konsumbranchen
Aktuell dagegen fließen die Zahlungsströme in der Wirtschaft so gut wie lange nicht. Fast alle Branchen stehen besser da. In der Herbstumfrage hat der BDIU seine Mitgliedsunternehmen gefragt, welche Wirtschaftszweige besondere Probleme mit dem Zahlungsverhalten ihrer Kunden haben. Bemängelten etwa noch im letzten Jahr 30 Prozent der Inkassounternehmen das Zahlungsverhalten der Kunden im Gastgewerbe, so sind es jetzt nur noch 14 Prozent, die eine entsprechende Angabe gemacht haben. Auch im Einzelhandel sank der Wert deutlich von 20 Prozent auf jetzt 13 Prozent. „Besonders im konsumgetriebenen Geschäft zeigt sich die Erholung", so Spitz. „Die Verbraucher haben wieder mehr Geld im Portemonnaie, die Arbeitslosigkeit ist so niedrig wie seit der Wiedervereinigung nicht, und die weiterhin guten Aussichten für den Arbeitsmarkt verschaffen den Menschen wirtschaftliche Sicherheit."

Weniger Pleiten
Positiv ist auch die Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen. Deren Zahl sinkt in diesem Jahr auf gut 30.000 – nach 31.998 in 2010. Aber: „Diese Erholung ist nicht von Dauer“, so Spitz. Schon in diesem Quartal zeichnet sich ein Stagnieren dieses Trends ab. Wegen des stockenden Konjunkturmotors rechnen die Inkassounternehmen für 2012 wieder mit mehr Firmenzusammenbrüchen. Eine exakte Prognose sei schwierig. „Sorge bereitet uns die Eurokrise“, sagt Spitz. „Von deren weiterem Fortgang hängt entscheidend ab, wie sich die Stabilität der deutschen Wirtschaft weiterentwickeln wird. Wenn sich ein Szenario ergibt, in dem sinkende Auftragseingänge, eine Kaufzurückhaltung der Verbraucher und Probleme bei der Kreditvergabe der Banken an Unternehmen aufeinandertreffen, wird das auch zu einem deutlichen Anstieg der Unternehmensinsolvenzen führen. Das gefährdet vor allem den Mittelstand, der das Rückgrat und der Wachstumsmotor der deutschen Wirtschaft ist.“

Basel III und Eurokrise erfordern mehr Eigenkapital in den Unternehmen
Darauf müssten sich Unternehmen jetzt vorbereiten. Wichtig sei zum Beispiel die Ausstattung mit genügend Eigenkapital, insbesondere auch in Vorbereitung auf Basel III, das mittelständische Unternehmen zwingen könnte, eine höhere Eigenkapitalquote vorzuweisen, wenn sie in den Genuss eines günstigen Kredits kommen wollen. Aktuell melden 54 Prozent der Inkassounternehmen, dass zu geringe eigene Reserven der Grund sind, warum Unternehmen ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen.

„Aber auch beim Forderungsmanagement müssen die Firmen vorsorgen.“ 74 Prozent der Inkassounternehmen berichten in der Herbstumfrage, dass hohe Zahlungsausfälle bei eigenen Kunden der Grund sind, warum die Wirtschaft ihre Rechnungen aktuell nicht bezahlt. „Das ist ein Dominoeffekt“, beschreibt Spitz. „Fehlen den Firmen fest eingeplante Zahlungseingänge, können sie ihre eigenen Zahlungsverpflichtungen nicht einhalten und gefährden so die Liquidität ihrer Geschäftspartner – in einer solchen Situation steigen die Insolvenzen zwangsläufig.“

Rechtsverfolgung für Gläubiger könnte schwieriger und teurer werden
Daher sei es wichtig, dass der Gesetzgeber der Wirtschaft die Rechtsverfolgung von Zahlungsausfällen nicht unnötig erschwert. Spitz nennt als Beispiel das von der Bundesregierung geplante Bundesmeldegesetz. Zwar will die Regierung dabei verhindern, dass Informationen aus dem Melderegister zum Adresshandel oder zu Werbezwecken missbräuchlich verwendet werden. Allerdings könnten diese Regelungen auch Inkassounternehmen und Gläubigern das Einholen von Melderegisterauskünften zu säumigen Zahlern erschweren. In der Folge könnten sich die Rechtsverfolgungskosten so stark erhöhen, dass es sich für Gläubiger nicht mehr lohnen würde, einzelnen Forderungen nachzugehen. „Das heißt: Gläubiger müssen mehr Zahlungsausfälle einkalkulieren, und das Geld, das hier fehlt, müssten die Firmen dann auf ihre Preise umlegen“, erläutert Spitz. Der Verband befürchtet, dass das Gesetz „übers Ziel hinausschießen“ könnte. „Gläubiger brauchen Rechtssicherheit“, stellt der Präsident fest, „gerade wenn die Konjunktur ins Stocken gerät.“

Zahlungsverhalten der öffentlichen Hand noch schlechter
Negativ ist aktuell das Zahlungsverhalten des öffentlichen Sektors. 17 Prozent der Inkassounternehmen berichten, dass sich das ohnehin schlechte Zahlungsverhalten vor allem von Städten und Gemeinden in diesem Herbst weiter verschlechtert hat “ eine Besserung hat kein Inkassounternehmen beobachtet.

„Die Finanzlage der Kommunen ist schlecht“, so Spitz. „Immer mehr Städte stehen vor der Zwangsverwaltung – gälten für sie der Privatwirtschaft vergleichbare Regeln, dann wäre ein Großteil der deutschen Kommunen schlicht und ergreifend insolvent.“ Obwohl die Wirtschaft in den vergangenen beiden Jahren robust gewachsen ist, verzeichnen die kommunalen Haushalte weiterhin ein hohes ungedecktes Finanzierungssaldo. In diesem Jahr rechnet der Deutsche Städtetag mit einem Defizit von bis zu 10 Milliarden Euro. Die Folge: Dringend notwendige Investitionen in die kommunale Infrastruktur werden verschoben oder ganz gestrichen. Bäder, Bibliotheken, Museen müssen schließen, vielerorts ist so wenig Geld da, dass selbst heute noch nicht einmal die Straßenlöcher ausgebessert sind, die die letzten beiden Winter gerissen haben. In einer solchen Situation braucht es neben Haushaltsdisziplin eine offene Debatte über Einnahmeverbesserungen, ist Spitz überzeugt – „und hier muss über alles diskutiert werden, was den Kommunen mehr Geld bringt und dabei den Bürgern und der Wirtschaft vor Ort keine weiteren Belastungen aufbürdet“, so der Verbandspräsident. „Das Forderungsmanagement gehört auf die Tagesordnung der Kommunen.“

16 Milliarden Euro Außenstände
Denn auch die Außenstände der Städte und Gemeinden haben inzwischen historische Höchststände erklommen. Derzeit werden über 16 Milliarden Euro den kommunalen Kassen nicht oder verspätet beglichen. „Im Interesse der Bürger müssen Kommunen ihren offenen Forderungen genauso professionell und konsequent nachgehen, wie es auch erfolgreiche Unternehmen machen“, fordert Spitz. „Die Stadt Wiesbaden ist dafür ein gutes Beispiel.“ Seit 2003 betreibt die hessische Landeshauptstadt ein kommunales Forderungsmanagement, an dem alle Ämter in einer konzertierten Aktion der gesamten Verwaltung beteiligt sind. Das bedeutet, dass Mahnabläufe schnell in Gang gesetzt werden, Außenstände einer konsequenten Überwachung unterliegen und sich die Ämter permanent untereinander zu dem Thema austauschen. Ein wichtiger Baustein dabei ist auch die Zusammenarbeit mit Unternehmen der Privatwirtschaft: Die Stadt profitiert von einem Know-how-Transfer insbesondere mit Inkassounternehmen und Auskunfteien, die – unter strenger Einhaltung des Datenschutzes – Dienstleistungen wie Bonitätsprüfungen oder das Inkasso niedergeschlagener Forderungen übernehmen. „Wiesbaden hat es dadurch geschafft, seine monatlichen Außenstände um rund 6 Millionen Euro zu reduzieren“, berichtet Spitz. „Andere Kommunen sollten diesem Beispiel folgen.“

Handwerker in Mitleidenschaft
Unter der schlechten Finanzausstattung der Kommunen leiden auch viele Firmen vor Ort, etwa Handwerksbetriebe, die oft mit behördlichen Auftraggebern zusammenarbeiten. In der Herbstumfrage melden 58 Prozent der Inkassounternehmen, dass die Zahlungsmoral von Handwerkskunden problematisch ist - die Dienstleistungsbranche nennen 50 Prozent, das Baugewerbe 44 Prozent.

Zahlungsschwierigkeiten im Onlinehandel
Immer wichtiger für die Wirtschaft wird der Onlinehandel. Allerdings gibt es auch hier Zahlungsschwierigkeiten. Im BDIU-Panel bescheinigen 42 Prozent der Befragten den Kunden dieser Branche ein schlechtes Zahlungsverhalten – damit ist dieser Wert fast viermal so hoch wie im klassischen Einzelhandel (13 Prozent). Ein Grund: „Im Distanzhandel bekommen sich Händler und Verkäufer nicht persönlich zu Gesicht. Leider animiert das manche Käufer dazu, absichtlich Zahlungen nicht zu leisten oder gar den Händler zu betrügen“, berichtet Spitz.

Allerdings ist das nicht nur ein Problem für Onlinehändler: Immerhin 56 Prozent der Inkassounternehmen beobachten, dass private Schuldner ihre Forderungen absichtlich nicht oder verspätet begleichen. „Hier hilft nur schnelles und konsequentes Mahnen und sich bereits im Vorfeld mit Bonitätsinformationen abzusichern“, rät Spitz.

„Nach dem Konjunktureinbruch 2009 hatten Wirtschaft und Politik zwei Jahre Zeit, sich für ein erneutes Konjunkturabflauen abzusichern“, fasst Spitz zusammen. „Im nächsten Jahr werden wir sehen, wie erfolgreich diese Maßnahmen letztendlich waren.“

„Eine anhaltende Euro-Krise würde die Zahlungsmoral massiv verschlechtern“, warnt BDIU-Präsident Wolfgang Spitz.