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Warum Inkasso eine Branche für Leute mit Ideen ist

Warum Inkasso eine Branche für Leute mit Ideen ist

Ein Gespräch mit Tanja Bylda, REAL Solution Inkasso GmbH & Co. KG, Hamburg, und Guido Zerreßen, Seghorn AG, Bremen.

Sie sind gemeinsame Vorsitzende des Beirats für Bildung des Inkassoverbands und der Deutschen Inkasso Akademie.

Frau Bylda und Herr Zerreßen, welche Aufgaben hat der neue Bildungsbeirat von BDIU und DIA?

TANJA BYLDA: Die Idee, Bildungsthemen zu bündeln und zu fördern, reift schon geraume Zeit innerhalb der Branche. Durch den Beirat wollen wir ab sofort die Qualifizierungsanforderungen aus dem Inkasso-Alltag an den Verband als Repräsentanten der Inkassowirtschaft und an die Inkassoakademie als Weiterbildungsinstitution des BDIU zurücktragen. Dabei verstehen wir uns als gemeinsames Sprachrohr der Praxis.

Im Beirat engagieren sich mehrere Inkassounternehmen. Ziel ist es, zukünftig weitere Experten aus Lehre, Wirtschaft und Wissenschaft zu gewinnen, um vom weiteren Sachverstand zu profitieren. Künftig treffen wir uns einmal pro Quartal. In unserer nächsten Sitzung Anfang Oktober werden wir konkrete strategische Ziele festlegen, um das Bewusstsein für berufliche Qualifizierung in unserer Branche noch fester zu verankern.

GUIDO ZERREßEN: Die Inkassobranche ist ein dynamisch wachsender Wirtschaftssektor. Rekrutierung und die Entwicklung vorhandener und potenzieller Arbeitskräfte sind dabei die wesentlichen Antriebsfedern, um unternehmerischen Erfolg zu gewährleisten. Gemeinsam wollen wir im Beirat für Bildung Fragestellungen erörtern, wie die moderne Rechtsdienstleistung Inkasso in fünf oder in zehn Jahren aussehen wird und welche Anforderungen das an die Unternehmen und deren Mitarbeiter stellt. Dazu stellt sich die Frage, welche Auswirkungen aufgrund des demographischen Wandels auf die Unternehmen zukommen werden. Auf den Punkt gebracht geht es uns beim Beirat für Bildung um nichts weniger als das Forderungsmanagement der Zukunft.

Welchen Stellenwert haben berufliche Qualifizierungsmaßnahmen im Forderungsmanagement?

GUIDO ZERREßEN: Da es den klassischen Ausbildungsberuf „Inkasso“ oder „Forderungsmanagement“ nicht gibt, müssen wir selbst Aus- und Weiterbildungskonzepte entwickeln, um unsere Mitarbeiter fit für die Anforderungen der Praxis zu halten. Dies gilt in gleicher Weise für die Inkasso-Tätigkeit im Alltag, wie auch für die öffentliche Wirkung unserer Arbeit, also das Image, das die Branche nach außen trägt. Zeitgemäßes Inkasso gewährleistet  Image-Schutz und erfolgreiche Einziehung der Forderungen. Dementsprechend ist der Stellenwert beruflicher Qualifizierungsmaßnahmen umfassend und hoch.

Betrachten wir die Leistung der Branche stellen wir fest, dass Inkassounternehmen pro Jahr mehr als 5 Milliarden Euro wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückführen. Dieser Wert sichert den Fortbestand vieler Unternehmen und damit auch branchenübergreifend Arbeitsplätze.   Gut ausgebildete und qualifizierte Mitarbeiter repräsentieren das moderne Inkassounternehmen, sie vermitteln den Wert unserer Dienstleistung an die Marktteilnehmer – so wird eine Basis geschaffen, weitere Wachstumspotenziale zu erschließen.

TANJA BYLDA: Die Inkassounternehmen sind gerade bei der Aus- und Weiterbildung in einem immer stärkeren Maß selbst gefordert. Wir selbst haben eine eigene Ausbildungsabteilung für den Bereich Forderungsmanagement und arbeiten intensiv mit der Berufsschule Harburg zusammen. Zusätzlich gibt es nach wie vor benachbarte Berufsbilder mit vergleichbaren Ausbildungsstrukturen, durch die wir bislang auch geeignete Bewerber  gewinnen konnten. Unser Aufgabenfeld wird immer umfangreicher, die Gesetze ändern sich stetig, man muss immer aktuell am Ball bleiben. Permanente Weiterbildungen sind deswegen besonders wichtig, um diesem Anspruch gerecht zu werden.

Die Branche ist ein attraktiver Arbeitgeber. Alleine 2015 hat sie 1.200 neue Jobs geschaffen. Aktuell haben viele Inkassounternehmen sogar Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Wie wichtig ist da Employer Branding?

GUIDO ZERREßEN: Sehr wichtig! Reputation und positive Kommunikation nach außen sind unverzichtbare Faktoren. Wir setzen zunehmend auch auf die direkte Ansprache von Bewerbern.

Hier ist Kreativität gefragt, um durch eine durch Offenheit geprägte Kommunikationspolitik potenzielle Bewerber für die Arbeit in Inkassounternehmen zu begeistern. Ich bin  überzeugt, dass wir an die Schulen gehen müssen, um dort unmittelbar für Schüler ab der 9. Klasse zum Beispiel Praktikantenplätze anzubieten – oder uns an außerschulischen Aktivitäten wie zum Beispiel Zukunftstagen zu beteiligen, um die Attraktivität der Branche bei der nachkommenden Generation richtig zu platzieren. Es gilt die Branche bei jungen Leuten als attraktiven Arbeitgeber bekannt zu machen!

TANJA BYLDA: Der Arbeitsmarkt ist derzeit hart umkämpft, und die Konkurrenz schläft nicht. Auch andere Wirtschaftsunternehmen oder Behörden suchen Mitarbeiter, die qualifizierte Aufgaben im Mahnwesen und Forderungsmanagement übernehmen. Wir müssen also nicht nur neuen Bewerbern attraktive Jobs in unseren Unternehmen anbieten, sondern uns auch vor allem Gedanken darüber machen, wie wir diese Mitarbeiter langfristig einbinden und halten können.

Welche Berufsbilder gibt es denn im Forderungsmanagement? Ist die Tätigkeit eher kaufmännisch oder eher juristisch orientiert?

GUIDO ZERREßEN: Ich sehe eine Reihe von Segmenten, nicht nur für kaufmännische Angestellte, Betriebswirtschaftler oder Juristen. Nehmen Sie das Thema Digitalisierung – gerade für IT-Spezialisten bietet unsere Branche jede Menge Beschäftigungschancen. Im Forderungsmanagement geht es darüber hinaus auch um Kommunikation und Empathie, also die Herausforderung, mit Schuldnern verständlich und zielorientiert zu reden, sich auf andere Menschen und deren jeweilige Situation in sehr kurzer Zeit einstellen zu können. Nicht zuletzt sind bei uns kreative Köpfe gefragt, die sowohl kommunikative als auch Marketing-Skills haben, um uns als Unternehmen marktorientiert weiter nach vorne zu bringen.

TANJA BYLDA: IT und eine voranschreitende Automatisierung haben inzwischen viele Standardprozesse von früher abgelöst. Das erleichtert die Arbeit einerseits, stellt andererseits aber neue Anforderungen an jeden Einzelnen. Jede Situation, jeder Fall ist individuell zu betrachten.

Ich halte es für unerlässlich, dass Mitarbeiter ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten haben. Viele Schuldner wollen heute ihre Angelegenheit direkt mit einem Mitarbeiter besprechen, telefonisch ebenso wie schriftlich. Dafür muss man in der Lage sein, auch einen komplexeren Fall in einfachen Worten dem Gegenüber verständlich zu machen. Nicht jeder kennt sich mit den rechtlichen Einzelheiten aus. Zusätzlich erschweren manchmal Sprachbarrieren die Kommunikation. Daraus ergibt sich die Vielfältigkeit der Anforderungen an unsere (und auch künftigen) Mitarbeiter.

Es geht im Inkasso nicht nur um den reinen Forderungseinzug. Unsere Auftraggeber erwarten von uns, dass wir kundenerhaltend tätig sind, die Reputation des jeweiligen Gläubigers nach außen unbedingt erhalten und lösungsorientiert handeln.

Wie sieht der ideale Bewerber fürs Forderungsmanagement aus? Welchen Abschluss braucht man?

TANJA BYLDA: Ich habe sowohl mit Abiturienten als auch mit Realschulabsolventen sehr gute Erfahrungen gemacht. Die idealen Bewerber sind engagiert, empathisch und gehen mit gesundem Menschenverstand an ihre Aufgaben. Es ist eben nicht so, dass ich heute etwas im Inkasso erlerne und es für die nächsten Jahre genauso anwende. Ich muss mich immer wieder den sich verändernden Rahmenbedingungen anpassen und mein eigenes Handeln reflektieren.

GUIDO ZERRESSEN: Ich kann das nur unterstreichen und würde es noch um zwei Nuancen ergänzen: Respektvoller Umgang mit allen Beteiligten und Eigenverantwortung! Das sind Themen, die wir sehr hoch halten. Unsere Branche ist ideal für Bewerber, die flexibel sind und die Entwicklung der Unternehmen kreativ mitgestalten wollen. Das Motto des BDIU trifft es dafür ziemlich gut: „Inkasso heißt Verantwortung.“ Wer das unterschreiben kann, ist bei uns richtig. 

Vielen Dank für das Gespräch!