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KONGRESS 2019

Über 500 Gäste, Experten, Vertreter aus Politik, Verbraucherschutz und Inkassobranche diskutieren beim BDIU KONGRESS 2019 über die Zukunft des Forderungsmanagements. 

Vor vollbesetztem Saal erklärte Kirsten Pedd, Präsidentin des BDIU, am Donnerstag, den 11. April 2019, in Berlin, warum sich der Inkassoverband entschieden hat, einen Code of Conduct zu entwickeln. Dieser Verhaltenskodex sei Ausdruck einer Haltung, auf die sich alle Mitgliedsunternehmen des BDIU verständigt haben. »Eines eint uns im Verband: die seriöse Rechtsdienstleistung. Wir sichern Liquidität und tragen zur Preisstabilität bei. Das ist FairAntwortung.«

Rita Hagl-Kehl, Staatssektretärin im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) lobte diese Initiative. Der Code of Conduct sei richtungsweisend. Die Branche verpflichte sich damit zur Fairness gegenüber Schuldnern genauso wie zu ihrer Verantwortung für Rechtssicherheit zum Ausgleich berechtigter Forderungen. 

Dr. Karl-Heinz Brunner, Bundestagsabgeordneter der SPD, ermunterte die Branche, diese Initiative mutig fortzusetzen. Ein einheitlicher Verhaltenskodex für das Forderungsmanagement könne ein guter Maßstab auch für die behördliche Aufsicht sein – sowohl für Inkassounternehmen als auch für Anwälte, die Inkasso durchführten. Dem stimmte Kirsten Pedd zu. Aktuell funktioniere die Aufsicht nicht, wie sie es eigentlich sollte. Der Grund: Sie sei zersplittert auf unterschiedliche Zivilgerichte, die zu wenig Kapazitäten hätten, sich gründlich darum zu kümmern. Die Aufsicht müsse bundeseinheitlich zentralisiert werden.

Der Unionspolitiker Prof. Dr. Heribert Hirte, stellvertretender Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Recht und Verbraucherschutz, sprach sich für eine Regulierung mit Augenmaß aus. Den Code of Conduct sah er ebenfalls positiv. 

Tabea Rößner, verbraucherpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, kritisierte die von Inkassounternehmen angesetzten Kosten gegenüber zahlungspflichtigen Verbrauchern. Sie plädierte für einen Kostenansatz an der untersten Grenze dessen, was ein Rechtsanwalt für ein einfaches Schreiben verlangen könnte. Dem widersprach Kirsten Pedd deutlich. Grundlage für den Ansatz der Kosten sei immer der gesamte Auftrag des Gläubigers. Darin seien viele Maßnahmen enthalten, von der Rechtsprüfung, dem Einhalten von Transparenz- und Dokumentationspflichten, auch seien deutlich mehr Maßnahmen als nur ein einziges Mahnschreiben erforderlich, bis eine berechtigte Forderung bezahlt ist. Inkassounternehmen erfüllten mit ihrer Rechtsdienstleistung mindestens dieselben Aufgaben wie auch Rechtsanwälte.

Einig waren sich alle Teilnehmer, dass eine Selbst- und Co-Regulierung positive Akzente setzen kann und einen Mehrwert für Unternehmen und Verbraucher bringt. 

Kommunikationsstarkes Fachprogramm

Das Fachprogramm des Kongress konnte sich sehen lassen. Es gab kontroverse und spannende Panels unter anderem zur Öffentlichkeitsarbeit, Legal-Tech und Rechtsdienstleistung, dem NPL-Markt in der Europäischen Union, Kostenrecht und Zwangsvollstreckung, dem neuen EU-Insolvenzrecht, zur Datenschutzgrundverordnung sowie zahlreiche Workshops, zum Beispiel zum Ärgerthema Insolvenzanfechtung, zu den Herausforderungen des Wettbewerbsrechts, brandneue Zahlen aus der BDIU-Branchenstudie, Datenschutzfolgeabschätzung und Erfordernisse des betrieblichen Datenschutzes sowie zur Psychologie in der Kommunkation mit Beschwerdeführern. 

Am Freitag, den 12. April, wählten die BDIU-Mitglieder die ehemalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries einstimmig in die Position der Ombudsfrau. Damit ist sie künftig dafür zuständig, Streitfälle zwischen Inkassounternehmen und Verbrauchern zu schlichten. 

Zuvor stellte sich Zypries der Mitgliederversammlung vor.

Die Juristin blickt auf eine lange Karriere in der Politik zurück. Unter dem damaligen hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner war sie ab 1984 in der Ministerialverwaltung der Staatskanzlei beschäftigt. Drei Jahre später wechselte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an das Bundesverfassungsgericht. Von Karlsruhe führte sie ihr Weg Anfang der 1990er-Jahre nach Hannover, wo sie in der Staatskanzlei von Ministerpräsident Gerhard Schröder zunächst Referats-, später Abteilungsleiterin für Verfassungsrecht war. 1997 wurde sie Staatssekretärin im Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales. 

Nach der Wahl von Gerhard Schröder zum Bundeskanzler wechselte Zypries auf die Bundesebene. Unter Bundesinnenminister Otto Schily war sie beamtete Staatssekretärin. 2002, in der zweiten Regierung Schröders, stieg sie auf zur Bundesministerin der Justiz. Diese Position behielt sie auch unter der ersten Regierung von Angela Merkel. 

Zwischen 2009 und 2013 war ihre Partei in der Opposition. In dieser Zeit machte Zypries eine Mediatorenausbildung und engagierte sich in Berlin als Familienmediatorin. Über diese Erfahrung sagt sie: »Wenn man Konfliktlösungsgespräche führt, muss man auch bestimmte Techniken beherrschen. Außerdem war es gut, nach sieben Ministerjahren einen anderen Blickwinkel auf die Welt zu kriegen.«

Ab 2013 war sie in der dritten Regierung von Angela Merkel zunächst parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und zum Ende der Legislaturperiode auch Ministerin.

Als Bundestagsabgeordnete wurde sie dreimal direkt im Wahlkreis Wahlkreis Darmstadt-Dieburg gewählt. 2017 trat sie nicht wieder an. 

Nach ihrem Abschied aus der Politik engagiert sich Zypries unter anderem in ehrenamtlichen Positionen. Sie ist Mitherausgeberin der Zeitschrift für Rechtspolitik und Präsidentin der Deutsch-Israelischen Juristenvereinigung.

Nach wie vor fühlt sie sich den Themen Digitalisierung und dem Mittelstand verpflichtet. Sie ist Schirmfrau im Unternehmerinnen-Netzwerk des Deutschen Startup-Verbands und berät Frauen bei der erfolgreichen Firmengründung. 

Mit dem BDIU hatte Zypries bereits mehrfach Kontakt. 2004 kam sie als Justizministerin zum Jahreskongress der Inkassowirtschaft nach Potsdam – und sprach dort als erste Ministerin in dieser Funktion. Für Zypries eine Frage der Haltung: »Ich denke, man muss ins Feuer, gerade auch bei kritischen Themen. Da bin ich ähnlich wie Ihre Präsidentin, Frau Pedd. Man muss die Dinge klar ansprechen und in den Dialog kommen.« Dies will sie in ihrer neuen Funktion nun fortsetzen. 

Weitere Personalien

Abschied, Wiederwahl, Neustart. Nach 24 Jahren im Präsidium schied Andreas Aumüller aus dem Gremium aus. Er war erstmals 1995 auf dem BDIU-Jahreskongress in Königswinter gewählt worden. Die Mitglieder dankten Aumüller, der zeitweise auch Präsident des Europaverbands FENCA war, mit Standing Ovations. 

Weitere Entscheidungen: Präsidiumsmitglied Anke Blietz, Lowell Group, wurde für vier Jahre in ihrem Amt bestätigt. Auf den durch Aumüller frei gewordenen Platz bestimmten die BDIU-Mitglieder Philipp Ganzmüller, Creditreform München.